Leistungsschau in Grau

Den großen übergreifenden Fliesentrend gibt es nicht mehr. Das gegenwärtige Fliesen-design hat sich von einzelnen Trends gelöst und zeigt das gesamte Spektrum dessen, was Keramik an Wand und Boden leisten kann. Auf der 36. Ausgabe der Cersaie war eine Hinwendung zur verstärkten Pflege von Marken festzustellen, zudem eine Rück-
besinnung auf solide Geschäftsbeziehungen. Hier unsere Eindrücke von der Messe.

Der Handel hat seine Fliesenscouts ausgeschickt, man kam um zu
sehen und gesehen zu werden. Gekauft wird später, nachdem hausinterne Fliesenfachleute entschieden haben, welche Ware für den jeweiligen Großhändler den besten Erfolg verspricht. Wenn also die Produkte einander stark gleichen, wie es zunehmend der Fall ist, bestimmen letztendlich langjährige gute Geschäftsbeziehungen, vorteilhafte Lieferzeiten und nach wie vor natürlich der Preis die Bühne des wirtschaftlichen Geschehens.

Wenn bisher in Sachen Design die Italiener oft das Buch in der Hand hatten, so kann man diesmal konstatieren, dass sowohl die deutschen als auch die spanischen Hersteller gleichgezogen haben. Dies steht in engem Zusammenhang mit der viel gepriesenen Digitaldruck-Technik, die mit dem modernen Inkjet-Verfahren Designs und Dekore nach Lust und Laune und in der Schnelle eines Farbdruckers auf die Fliesen bannen kann. Wer den Ankauf der entsprechenden Anlagen finanziell „derstemmt“, kann alles zur keramischen Realität werden lassen – wer nicht, der kauft „fehlende“ Produkte im Sortiment eben beim Mitbewerb ein. Das eifersüchtige Hin und Her-Schielen auf die Konkurrenz scheint überwunden, alle Big Player sind auf Augenhöhe.

Inkjet und seine Tücken

Stets wurden uns Journalisten die Vorteile dieser innovativen Digital-Technik bei jedem Werksbesuch von Herstellerseite eindringlich vor Augen gehalten; nun zeigt sie – hochgezüchtet wie sie mittlerweile ist – auch ihre Tücken: Jeder hat faktisch alles – Außenplatten, XXL-Formate, Stein-/Zement-/Betonoptiken, keramisches Holz und hauchdünnes Material, und hier und da sogar einen Tupfer Farbe im Sortiment. Ansonsten viel Grau-/Beigetöne – neutral fast bis zur Austauschbarkeit – aber lässt sich gut verkaufen. Was zu respektieren ist. Nur gerät die Stärke der Fliese – nämlich mit Dekoren, Farben und Strukturen verschiedenen Räumen Atmosphäre zu verleihen, allzu oft ins Hintertreffen. Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen!

Zweiter Blick lohnt sich

Auf den ersten Blick ist alles grau. Um in diesem einheitlichen Fliesenmeer nicht verloren zu gehen, lohnt sich ein zweiter ganz konzentrierter Blick: obwohl nämlich die Farben und Formate sich gleichen fast wie ein Ei dem anderen, so gibt es doch in der Qualität der Ausführung schöne Differenzierungen zu entdecken. Sei es bei besonders gelungenen haptischen Glasuraufträgen bei denen die ausgeklügelte Technik Rillen, Schrunden und Rauigkeiten z.B. bei keramischen Holzmaserungen detailgetreu nachbilden kann; sei es bei wohldosierten Glitzereffekten oder überdimensional aufgeblasenen Natursteinäderungen, die durch ihre Abbildungstreue beeindrucken. Bei den Natursteinen stehen übrigens unterschiedliche Marmortypen im Mittelpunkt.

Farbtupfer…

Neben den verkaufsoptimiert neutralen Farbstellungen erfreuen beim näheren Hinschauen hier und da farbliche Highlights das Auge. Namentlich bei den deutschen und spanischen Herstellern zeigte man Mut zum Abweichen vom farblichen Einheitsbrei und präsentierte (Wasser)farbtöne, die mit den dezenten Hauptfarben schön harmonieren. 

Nach wie vor präsent ist der Retro-Stil mit Augenmerk auf die farblich intensiven Muster der 70er/80er Jahre. Mit Vintage „Bodenteppichen“ lassen sich schöne Akzente setzen, vermehrt auch im Wohnbereich. 

Terrazzofliesen stehen nunmehr in ihrer Hochblüte und bieten mit stilprägenden Details und neuen Farbstellungen großen Gestaltungsfreiraum.

Bei zahlreichen Serien war eine Tendenz zu 3D erkennbar, mithilfe neuer Technologien können dreidimensionale Strukturierungen mit imponierenden haptischen Effekten erzielt werden. 

Insgesamt bleiben XXL-Formate weiter interessant: dank ihrer technischen Eigenschaften und des geringen Fugenanteils sind sie einfach besonders pflegeleicht und stehen weiterhin im Aufwind. Konzipiert für große Flächen oder Fassaden finden sie auch als Arbeitsplatten oder Wand-/Möbelverkleidung ihre Verwendung.

Platten im Außenbereich bleiben aufgrund ihrer robusten technischen Eigenschaften ein wichtiger Marktteilnehmer, jetzt sogar mit bis zu 3 cm Stärke. Sie bestechen durch die Möglichkeit, die Wohnraumfliesen optisch bis auf die Terrasse hinauszuziehen.

Florierende Messe

Die Messe selbst expandiert scheinbar unaufhörlich: heuer gab es mit den Hallen 29 und 30 zwei neue Innenbereiche zu beziehen, die zahlreiche Aussteller von ihren angestammten Standflächen im nunmehr fast gänzlich geschwundenen Freigelände abzogen. Nicht alle waren davon begeistert, namentlich die Zubehörlieferanten, die mit etlichen Neuheiten aufwarteten (davon in den kommenden Ausgabe mehr). Sie bekrittelten, dass die „eingefleischten“ Laufwege der Messebesucher im Freigelände nun nicht mehr an ihnen vorbeiströmen konnten. 

Die italienische Fliesenindustrie insgesamt befindet sich, wie man den Presseunterlagen entnehmen konnte, auf Erfolgskurs mit einer erfreulichen Wertsteigerung der einheimischen Produktion. Der Gesamtumsatz von über 5,5 Milliarden Euro hat das Vorkrisenniveau erreicht und nach fünf Jahren langsamer Expansion ist man mit einem Ausstoß von 422 Mio. Quadratmetern Fliesen zufrieden. Die Hälfte des gesamten italienischen Umsatzes wird im EU-Markt erwirtschaftet, der ein 2017 Umsatzwachstum von 4% verzeichnete.

Die nächste Cersaie findet von 23.-27 September 2019 in Bologna statt.

Cersaie 2018: Markenpflege statt großer Trends