Walzen und wandern

Oft misstrauisch beäugt, tragen die rechtschaffenen Gesellen auf der Walz stolz ihre seltsame Kluft – in der Hand den Stenz, den gedrehten Wanderstock, ein Bündel über der Schulter und ihre Ehrbarkeit, den farbigen Schlips.

Die Pflicht zur Wanderschaft der Handwerksgesellen war in bestimmten Zünften nach dem Mittelalter als Teil der vorgeschriebenen Ausbildung eingeführt worden. Vorangegangen waren diesen Vorschriften in romanischer und besonders gotischer Zeit die Wanderungen einzelner Bauhandwerker und ganzer Bauhütten von einem Kirchenbauprojekt zum nächsten. Nach der Hälfte der Wanderjahre konnte man sich als Anwärter auf die Meisterschaft im Buch der jeweiligen Innung eintragen lassen. Erst nach Beendigung der Wanderschaft und einer weiteren mehrjährigen Arbeitszeit, den so genannten „Mutjahren“, bestand die Möglichkeit sich zum Meisterstück anzumelden. An die Erlangung der Meisterschaft war das Niederlassungsrecht gebunden. Erst dann bestand in manchen Zünften die Möglichkeit der Heirat.

Walzing international

Heute erfolgt die Weiterbildung vor der Meisterprüfung eher in internationalen Austauschprogrammen als auf Wanderschaft. Doch geschätzte 10.000 Wandergesellen weltweit sind auch heute noch unterwegs, unter ihnen rund 10 Prozent Wandergesellinnen. Es ist ein beschwerlicher Weg, der mindestens drei Jahre und einen Tag zu dauern hat und nicht näher als 50 Kilometer an den Heimatort heranführen darf.

Der deutsche Sprachraum besingt die Wanderjahre in den „Liedern eines fahrenden Gesellen“. In Australien ist ein reisender Handwerker sogar Held der geheimen Nationalhymne des Kontinents: „Waltzing Matilda“. „Waltzing“ geht auf das Wort Walz zurück, und „Matilda“ ist eine Bezeichnung für den tucker bag, den im 19. Jahrhundert in Australien üblichen Umhängebeutel mit allen lebenswichtigen Utensilien der Swagman, wie im alten Australien reisende Handwerker bezeichnet wurden, die im Outback von Farm zu Farm gingen und für einen Tagelohn Handwerksdienste verrichteten.

Fremder Gesell

Die Wanderschaft soll nicht als Flucht vor Verantwortung missbraucht werden. Daher ist die Walz Handwerksgesellen vorbehalten, die frei von Schulden, Vorstrafen, Frau und Kind und nicht älter als 30 Jahre sind. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, besorgt sich der angehende Wanderer eine Kluft und wird von einem erfahrenen Gesellen ins entbehrungsreiche Wanderleben eingeführt. Sobald sich der Neuling, der sogenannte Jungwanderer, auf der Walz befindet, gilt er als Fremdgeschriebener oder Fremder. Er darf kein eigenes Fahrzeug besitzen und bewegt sich nur zu Fuß oder per Autostopp fort. Öffentliche Verkehrsmittel sind nicht verboten, aber verpönt. Das mitgetragene Gepäck ist spärlich: Schniegelkluft, Waschzeug, Werkzeug und Schuhputzzeug, fein säuberlich in ein Tuch, den Charlottenburger, gerollt. Handy und Schmuck sind verpönt. Einzig eine Taschenuhr und ein Ohrring sind erlaubt. Letzterer diente als Pfand, um im Falle des Todes das Begräbnis des ansonsten mittellosen Gesellen bezahlen zu können. Er ist auch Ursprung der Bezeichnung Schlitzohr für einen unehrlichen Menschen und kommt daher, dass einem unehrenhaften Wandergesell der Ohrring ausgerissen wurde.

Die Kluft

In der Öffentlichkeit hat der Wandergesell seine Kluft zu tragen. Sie gibt Auskunft darüber, welchem Handwerk der Geselle nachgeht. Schwarz steht für Holzberufe; hell, das heißt weiß oder braun für Steinberufe und blau für Metallberufe. Die acht weißen Perlmuttknöpfe vorne an der Weste repräsentieren den 8-Stunden-Arbeitstag, die jeweils drei Knöpfe an den Ärmeln drei Lehrjahre und drei Wanderjahre. Das Jackett trägt sechs Perlmuttknöpfe für die 6-Tage-Woche. Da ein Fremder oftmals auf die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen ist, zum Beispiel bei der Suche nach Arbeit oder einem Schlafplatz, hat er sich immer ehrbar und zünftig zu verhalten, so dass der Nächste ebenfalls gern gesehen ist. Eine gepflegte Erscheinung erleichtert die Kontaktaufnahme und das Trampen.

Fremde im Heute

Viele der heutigen Wandergesellen sind als sogenannte freireisende Handwerksgesellen unterwegs. Der Begriff tauchte in der heute gängigen Bedeutung erst zu Beginn der 1980er-Jahre auf, als die neuen sozialen Bewegungen für einen frischen Aufschwung des Gesellen-Reisens sorgten. Heute machen die Freireisenden vermutlich die zahlenmäßig größte Gruppe der Fremdgeschriebenen aus. Die meisten Freireisenden sehen sich durchaus den Traditionen des Gesellenwanderns und dem guten Ruf aller Wandergesellen moralisch verpflichtet und halten die alten Werte der Wandergesellen in höchsten Ehren.

Walzen und wandern